Deutschlandweites Hummelmonitoring in Agrarlandschaften

Hintergrund

Durch Erfolge in der Pflanzenzucht und in der Entwicklung effizienter Produktionstechniken konnten die landwirtschaftlichen Erträge in den letzten Jahrzehnten stetig gesteigert werden. Der Prozess der Intensivierung ging zudem mit einem Wandel der Agrarlandschaft einher. Strukturreiche, kleinräumige Landschaften wurden an die Nutzung im Sinne der Ertragssteigerung angepasst. Darunter zählen unter anderem die Spezialisierung auf wenige Ackerkulturen, die Bereinigung der Ackerbegleitstrukturen und das Zusammenlegen kleiner Schläge zu großen Feldblöcken mit monokulturellem Anbau.

Die geänderte Landnutzung und der Verlust der kleinstrukturierten Agrarlandschaft sind ein wesentlicher Treiber für den verzeichneten Verlust an biologischer Vielfalt. Diese Vielfalt, auch als Biodiversität bezeichnet, wird in drei Ebenen unterteilt und umfasst die Vielfalt der Gene, der Arten und der Ökosysteme. Die Biodiversität bildet wiederum die Grundlage für zahlreiche von der Natur erbrachte Leistungen mit hoher ökologischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bedeutung: die Ökosystemleistungen. Zu diesen zählen unter anderem Produkte aus Ökosystemen (beispielsweise Nahrungsmittel und Rohstoffe), die Reinigung von Luft und Wasser, die Erfüllung menschlicher Bedürfnisse nach Ästhetik und Erholung, sowie unterstützende Leistungen wie Bestäubung und Bodenbildung. Ein Rückgang der Biodiversität bedeutet daher auch ein Verlust von Ökosystemleistungen.

Bei Insekten wurden in den letzten 40 Jahren starke Rückgänge in Biomasse, Häufigkeit und Artenzahlen verzeichnet. Diesem Verlust kommt eine doppelte Bedeutung zu. Insekten stellen mit Blick auf Biomasse und Artenzahlen einen Großteil der weltweiten tierischen Biodiversität dar und können dadurch als Eckpfeiler sämtlicher Trophieebenen gesehen werden. Darüber hinaus leisten sie zahlreiche zentrale Ökosystemdienstleistungen, zu denen unter anderem die Bestäubung von Wild- und Kulturpflanzen sowie der Abbau toten organischen Materials zählen. Ein Rückgang an Insekten wirkt sich demnach sowohl auf die Bestände insektenfressender Wirbeltiere, wie Vögel, Fledermäuse und Amphibien, als auch auf insektenbestäubte Pflanzen und die Bodenbildung aus.

 

Hummeln als Indikatoren

Zu den gefährdeten Insekten zählen die zu den Wildbienen gehörenden Hummeln. Diese sind aus ökologischer und ökonomischer Sicht in der Agrarlandschaft von großer Bedeutung, da sie durch eine hohe Bestäubungsleistung bei einer Vielzahl von Wild- und Kulturpflanzen zu qualitativ und quantitativ messbaren Ertragssteigerungen beitragen. Seit den 1950er Jahren sind Hummeln jedoch weltweit von einem Rückgang der Populationsgrößen und Artenzahlen betroffen. Von den 41 Hummelarten, die in der aktuellen Roten Liste der Bienen in Deutschland aufgeführt werden, gelten 3 Arten als ausgestorben und 6 weitere Arten als vom Aussterben bedroht oder stark gefährdet.

Eine weitere Bedeutung kommt Hummeln zu, indem sie als geeignete Indikatoren für den Zustand der Biodiversität in Agrarlandschaften gelten. Sie kommen weit verbreitet in agrarischen Ökosystemen vor und reagieren sensitiv auf Veränderungen der Umwelt. Eine flächendeckende, wiederholte und standardisierte Erfassung der Hummelbestände scheint daher geeignet, Entwicklungstrends der biologischen Vielfalt in Agrarlandschaften frühzeitig zu erkennen, um daraus geeignete Maßnahmen ableiten zu können. In Absprache mit Experten und den Bundesländern soll ein bundesweit einheitliches Hummelmonitoring konzipiert werden.

 


Ziele

Das Hummelmonitoring in der Agrarlandschaft verfolgt mehrere Ziele. Zum einen sollen belastbare Informationen zur Bestandsentwicklung von Hummeln gesammelt und daraus Rückschlüsse auf den Zustand der Biodiversität sowie den der Ökosystemdienstleistung Bestäubung gezogen werden können. Zum anderen sollen durch die Betrachtung von Landnutzungs- und Landschaftsparametern Gefährdungsfaktoren identifiziert und die Wirksamkeit von Schutzmaßnahmen evaluiert werden. Darüber hinaus soll das Hummelmonitoring einen Beitrag zur Steigerung der öffentlichen Wahrnehmung von Wildbienen und deren Gefährdungszustand leisten.

Die wesentlichen Anforderungen an ein deutschlandweites Monitoringprogramm für Hummeln in Agrarlandschaften sind:

• eine standardisierte Erfassungsmethodik mit raumzeitlicher Kontinuität und einem implementierten System zur Qualitätssicherung

• eine repräsentative Abdeckung zentraler Agrarraumtypen, sowie eine Betrachtung auf unterschiedlichen räumlichen Skalen (Habitat- und Landschaftsebene)

• eine Möglichkeit zur Einbindung von Zusatzmodulen, wie die Erfassung von Populationsgrößen, Nahrungsquellen (Pollenanalytik) und Schadstoffbelastungen, sowie der Verschneidung mit europäischen Monitoringprogrammen

 

Vorteile von Hummeln als Indikatoren

Hummeln bieten in der Verwendung als Indikatoren eine Reihe von Vorteilen. Sie bilden eine relativ überschaubare, wissenschaftlich gut untersuchte Artengruppe. Zu einigen Arten sind historische Verbreitungsdaten aus den letzten 100 Jahren verfügbar, sodass sich langfristige Trends ableiten lassen können. Außerdem existieren bereits in anderen europäischen Ländern Monitoringprogramme, in denen Hummeln erfasst werden. Dadurch können Bestandsentwicklungen und Gefährdungsursachen über Ländergrenzen hinweg verglichen werden. Nicht zuletzt stellt auch die hohe ökonomische Bedeutung durch ihre Bestäubungsleistung ein wichtiges Argument dar, die Entwicklung von Hummelbeständen langfristig zu verfolgen.