Wildbiene der Woche 2022

Lernen Sie in 52 Steckbriefen die Insekten kennen, die Ihnen im Wildbienen-Monitoring in Agrarlandschaften über den Weg fliegen werden!

Gelbspornige Stängelbiene Hoplitis claviventris (Thomson 1872) (Synonym: Osmia claviventris)

Die gelbspornige Stängelbiene ist im Feld kaum von anderen Mauerbienen zu unterscheiden. (© Flor Rhebergen, CC-BY-NC-ND, observation.org)
  • Hohlraumnistende Wildbienenart, die Nisthilfen annimmt
  • Flugzeit: Mitte Juni bis Ende August
  • Nahrungsspektrum: polylektisch (Pollengeneralist)
  • Charakteristisch: Nur unter dem Binokular sicher bestimmbar

Aussehen: Auch die gelbspornige Stängelbiene ist im Feld nicht (die Männchen) bzw. kaum (die Weibchen) von anderen Mauerbienen zu unterscheiden. Die Individuen sind 8-10 mm groß.

Lebensraum und Nestbau: Ihr Lebensraum sind Waldränder und Hecken, aber auch Siedlungen oder Kies- und Lehmgruben. Sie nistet in dünnen, markhaltigen Pflanzenstängeln von z.B. Brombeeren, Königskerzen oder Kletten. Das Weibchen entfernt das Mark und legt anschließend die Brutzellen an.

Nahrungsquellen zur Versorgung der Larven: Hoplitis claviventris ist nicht wählerisch: Sie besucht Vertreter aus sechs Pflanzenfamilien, z.B. die Wiesen-Flockenblume (Centaurea jaceae; Asteraceae) oder die Felsen-Fetthenne (Sedum rupestre, Crassulaceae).

Vorkommen in Deutschland: H. claviventris ist in ganz Deutschland häufig.

 

Hinweis: Synonyme entstehen in der Taxonomie, wenn Wissenschaftler*innen Arten neu beschreiben und dabei eine neue Systematik entwickeln. Welche Systematik sinnvoller ist einzuhalten wird unter Fachleuten lange diskutiert. So hat ein und dieselbe Art mitunter einige Zeit lang zwei Bezeichnungen. Je nachdem, welcher Systematik man also während der Bestimmung eines Individuums folgt, hat man am Ende eine Hoplitis claviventris oder Osmia claviventris bestimmt.

Distel-Mauerbiene (Osmia leaiana (Kirby 1802))

Die Distel-Mauerbiene ist auf Korbblütler spezialisiert und bevorzugt - wie der Name verrät - Disteln. Sie ist im Feld nicht sicher zu bestimmen. (© Josephine Kulow)
  • Hohlraumnistende Wildbiene, die Nisthilfen annimmt
  • Flugzeit: Mai-Juli (Männchen) bzw. August/September (Weibchen)
  • Nahrungsspektrum: oligolektisch (Pollenspezialist)
  • Charakteristisch: Nur unter dem Binokular sicher bestimmbar

Aussehen: Viele Mauerbienen lassen sich im Feld bis zur Art ansprechen. Bei den auf bestimmte Pollenquellen spezialisierten Arten ist die besuchte Blüte ein erster Hinweis. Die Färbung des Pelzes und der Bauchbürste der Weibchen ist ein praktisches morphologisches Unterscheidungsmerkmal, oder das Vorhandensein bestimmter Fortsätze an den Mundwerkzeugen. Für die 8-10mm große Distel-Mauerbiene gilt das nicht: Sie ist nur unter dem Binokular sicher zu bestimmen.

Lebensraum und Nestbau: Osmia leaiana nutzt vor allem Käferfraßgänge in Totholz als Nistplätze, aber auch Schilfhalme und Löcher in Steinen. Sie ist entsprechend an Streuobstwiesen anzutreffen, nistet im Offenland in z.B. Zaunpfählen, kommt aber auch in anderen Lebensräumen vor, z.B. in Sandheiden. Sie baut ihre Brutzellen aus zerkauten Blättern (Pflanzenmörtel)

Nahrungsquellen zur Versorgung der Larven: Die Distel-Mauerbiene ist auf Korbblütler (Asteraceae) spezialisiert und bevorzugt Vertreter der Cynareae (die meisten zu diesem Tribus gehörenden Gattungen sind Disteln) und Cichorieae (dazu gehört z.B. die gewöhnliche Wegwarte, Cichorium intybus)

Vorkommen in Deutschland: Die Distel-Mauerbiene ist in ganz Deutschland anzutreffen und ist auf der Vorwarnliste der Roten Liste.

Natternkopf-Mauerbiene (Hoplitis adunca (Panzer 1798))

Eine männliche Natternkopf-Mauerbiene. (© JuergenL - stock.adobe.com)
  • Hohlraumnistende Wildbienenart, die Nisthilfen annimmt
  • Flugzeit: Mitte Juni bis Ende Juli (wenn Witterungs- und Nahrungsbedingungen es zulassen bis Mitte September)
  • Nahrungsspektrum: streng oligolektisch (Pollenspezialist)
  • Charakteristisch: auffälliger Geschlechtsdimorphismus (Männchen und Weibchen unterscheiden sich stark)

Aussehen: Die Männchen der 8-13 mm großen Natternkopf-Mauerbiene haben grüne Augen und sind dicht und braun behaart. Die Weibchen dagegen sind spärlich hellbraun behaart, ihr Hinterleib (Abdomen) glänzt schwarz.

Lebensraum und Nestbau: Wie ihr Name vermuten lässt, ist die Natternkopf-Mauerbiene Hoplitis adunca spezialisiert auf Pollen des Natternkopfs, vor allem des gemeinen Natternkopfs Echium vulgare. So sind trockenwarme Ruderalstellen, aufgelassene Kiesgruben oder steinige Böschungen Lebensräume, in denen die Natternkopf-Mauerbiene in Totholz oder Felswänden ihr Nest anlegt.

Nahrungsquellen zur Versorgung der Larven: Natternkopf (Echium spp.)

Vorkommen in Deutschland: Sie ist auf der Roten Liste als „ungefährdet“ eingestuft und ist in ganz Deutschland anzutreffen, überwiegend aber im Süden.

Blaue Mauerbiene (Osmia caerulescens (Linnaeus 1758))

Ein Weibchen der Blauen Mauerbiene (Osmia caerulescens). (© Lara Lindermann)
  • Hohlraumnistende Wildbienenart, die Nisthilfen annimmt
  • Flugzeit: Mitte Mai bis Mitte Juli, (z.T. zweite Generation von Anfang Juli bis Mitte August)
  • Nahrungsspektrum: Polylektisch (Pollengeneralist)
  • Charakteristisch: auffälliger Geschlechtsdimorphismus (Männchen und Weibchen unterscheiden sich stark)

Aussehen: Männchen und Weibchen der 8-10 mm großen Art unterscheiden sich deutlich. Während das Männchen kupfer- bis bronzenfarben ist, schimmert das etwas größere Weibchen stahlblau.

Lebensraum und Nestbau: Die blaue Mauerbiene nutzt vorhandene Hohlräume in Steilwänden, Totholz, Pflanzenstengeln oder Nisthilfen. Sie findet diese an Waldrändern, Streuobstwiesen oder in Siedlungen. Ihr Nest verschließt sie mit zerkautem Pflanzenmaterial (Pflanzenmörtel), z.B. mit Laubblättern der Schwarzerle (Alnus glutinosa) oder Blüten- und Laubblättern von Mohn (Papaver spp.).

Nahrungsquellen zur Versorgung der Larven: Vertreter aus sieben Pflanzenfamilien sind als Pollenquellen bekannt, darunter Kriechender Günsel (Ajuga reptans; Lamiaceae), Scharfer Hahnenfuß (Ranunculus acris, Ranunculaceae) und Weißklee (Trifolium repens, Fabaceae).

Vorkommen in Deutschland: Die blaue Mauerbiene ist in ganz Deutschland häufig.

Schöterich-Mauerbiene (Osmia brevicornis (Fabricius 1798))

  • Hohlraumnistende Wildbienenart, die Nisthilfen annimmt
  • Flugzeit: Mitte April bis Mitte Juni
  • Nahrungsspektrum: Oligolektisch (Pollenspezialist)
  • Charakteristisch: Die einzige europäische hohlraumnistende Bienenarten, die ihr Nest nicht mit Zwischenwänden in Brutzellen aufteilt.

Aussehen: Die 8-11mm große Schöterich-Mauerbiene ist in der freien Natur nicht leicht anzusprechen. Die blau schillernden Weibchen haben eine rostrote Bauchbürste und sind auf Kreuzblütlern anzutreffen. Die Männchen sind ohne ein Binokular kaum von anderen Mauerbienen zu unterscheiden.

Lebensraum und Nestbau: Als Niströhren dienen (neben Nisthilfen) Fraßgänge in Totholz. Deshalb trifft man die Art gern in alten Streuobstbeständen an. Das Weibchen legt acht bis 23 Eier in eine mit Pollen gefüllte Niströhre und verschließt diese mit Lehm.

Nahrungsquellen zur Versorgung der Larven: Die Art ist auf Kreuzblütler spezialisiert, sie nutzt z.B. Ackersenf (Sinapis arvensis) oder Schöterich-Arten (Erysimum spec).

Vorkommen: Die Schöterich-Mauerbiene kommt überall in Deutschland vor, ist aber insgesamt selten. Sie ist in der roten Liste in die Kategorie G eingeordnet (Gefährdung mit unbekanntem Ausmaß).

Rostrote Mauerbiene (Osmia bicornis (Linnaeus 1758))

Osmia bicornis auf einem Weißen Immergrün (Vinca minor alba). (© Niels Hellwig)
  • Hohlraumnistende Wildbienenart, die Nisthilfen annimmt
  • Flugzeit: Anfang April bis Mitte Juni
  • Nahrungsspektrum: polylektisch (Pollengeneralist)
  • Charakteristisch: Unter den Mauerbienen die Art mit der flexibelsten Nistplatzwahl

Aussehen: Wie der Name verrät, ist die 8-13 mm große Rostrote Mauerbiene überwiegend rostrot behaart. Zwei vorstehende Hörnchen auf dem Kopfschild der Weibchen machen sie im Feld nahezu unverwechselbar.

Lebensraum und Nestbau: Ob dicke Brombeerranken, Käferfraßgänge in Totholz, Ritzen in Fensterrahmen, Türschlösser oder Gummischläuche – die Vielfalt an Hohlräumen, in denen die Rostrote Mauerbiene ihr Nest anlegt, ist beachtlich. Das Ende der Niströhre verschließt sie wie die meisten Mauerbienenarten mit Lehm.

Nahrungsquellen zur Versorgung der Larven: Neunzehn Pflanzenfamilien sind als Pollenquellen für die Verproviantierung der Larven bekannt, darunter Rosengewächse wie Heckenrose (Rosa canina) und Garten-Apfel (Malus domestica) oder Hülsenfrüchtler wie Weiß-Klee (Trifolium repens) und Zaunwicke (Vicia sepium).

Vorkommen in Deutschland: In Deutschland ist die Rostrote Mauerbiene zusammen mit der Gehörnten Mauerbiene die häufigste Mauerbienenart. Die ersten Individuen im Jahr fliegen, wenn die gehörnte Mauerbiene schon aktiv ihre Nester baut.

Gehörnte Mauerbiene (Osmia cornuta (Latreille 1805))

Osmia cornuta (Weibchen) auf einer Traubenhyazinthe (Muscari armeniacum). (© Heike Kappes)
  • Hohlraumnistende Wildbienenart, die Nisthilfen annimmt
  • Flugzeit: Mitte März bis Anfang Mai
  • Nahrungsspektrum: polylektisch (Pollengeneralist)
  • Charakteristisch: Gehört zu den ersten Blütenbesuchern im Jahr

Aussehen: Die schwarz-rot behaarte Gehörnte Mauerbiene gehört zu den ersten Blütenbesuchern im Jahr. Aufgrund ihrer auffälligen Größe von 12-16 mm ist sie von der gleich gefärbten, aber deutlich kleineren, Osmia bicolor zu unterscheiden. Die Weibchen tragen am Kopfschild zwei – namensgebende – Hörner.

Lebensraum und Nestbau: Da die Gehörnte Mauerbiene früh im Jahr aktiv ist, findet sie Nahrung für sich und ihre Larven überwiegend in Siedlungen: Veilchen, Hyazinthen, Primeln und andere Frühblüher stellen ein reiches Angebot an Nektar und Pollen dar. Hier findet sie auch Nistplätze, z.B. in Mauerritzen, oder auch in sonnenexponierten Löß- und Lehmwänden. Ihre Niströhre verschließt die Gehörnte Mauerbiene wie die meisten Mauerbienen mit Lehm oder feuchter Erde.

Nahrungsquellen zur Versorgung der Larven: Die Gehörnte Mauerbiene nutzt eine Vielzahl an Pflanzenfamilien, darunter Korbblütler wie Wiesen-Löwenzahn (Taraxacum officinale), Rosengewächse wie Kirschpflaume (Prunus cerasifera) oder Salicaceae wie Sal-Weide (Salix caprea).

Vorkommen in Deutschland: Die Gehörnte Mauerbiene ist in ganz Deutschland verbreitet und häufig.

 

Welche Insekten fliegen Ihnen im Wildbienen-Monitoring in Agrarlandschaften über den Weg?

Hohlraumnistende Wildbienenarten, die Nisthilfen annehmen: Etwa 580 Wildbienenarten sind zur Zeit in Deutschland heimisch. Die meisten von ihnen leben nicht etwa wie die Honigbiene als Staat, sondern solitär: Jedes Weibchen legt ein eigenes Nest an. Etwa ein Drittel baut oberirdische Nester und von 35 dieser Arten ist bekannt, dass sie künstliche Nisthilfen annehmen.

Typischer Weise legt ein Weibchen ein Nest mit mehreren Brutzellen an. Es baut diese hintereinander in Pflanzenstängeln, Lehmwänden oder Käferfraßgängen in Totholz, indem sie die Innenwände mit Pflanzenresten, Lehm oder Harz verkleidet. In jede Zelle legt sie ein Ei sowie eine Mischung aus Pollen und Nektar als Proviant für die Larve. Die erwachsenen Tiere ernähren sich überwiegend von Nektar.

Ihre Gegenspieler: Einige Wildbienen-Arten verfolgen eine andere Strategie: Die sogenannten Kuckucksbienen legen ihre Eier in die Nester anderer Arten. Dort fressen sie sowohl den Larvenproviant als auch die Larve selbst. Sie sind aber nicht die einzigen Gegenspieler hohlraumnistender Wildbienen. Auch Vertreter anderer Artengruppen, z.B. die bunt schillernden Goldwespen (Chrysididae), Schlupfwespen oder auch Fliegen gehören dazu.

Die neun gut im Feld anzusprechenden Hummelarten: Hummeln gehören ebenfalls zu den Wildbienen. Im Gegensatz zu den meisten ihrer Verwandten leben sie als Staat.

Andere Insekten, die ihre Nester in Nisthilfen anlegen: Dazu gehören die Grabwespen (Spheciformes), solitäre Faltenwespen (Eumeninae) und Wegwespen (Pompilidae).


Quellen

www.wildbienen.info 

http://www.wildbienen.de 

Amiet, F. und Krebs, A.: Bienen Mitteleuropas – Gattungen, Lebensweise, Beobachtung. Haupt Verlag, 3. Auflage, 2019, 423 Seiten.

Die Wildbienen Deutschlands, Paul Westrich, 2018, Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart, 824 Seiten, ISBN 978-3-8186-0656-5 (PDF)